Die Leiden des alten Peters oder: Qualität kommt von Quatsch

Die FSI hat auf ihrer Sitzung am 2. Mai 2018 beschlossen, diese Stellungnahme in ihrem Namen zu veröffentlichen. Anregungen, Kritik und Kommentare schicken Sie bitte an sprecher@fsi-charite.de.

Peter Pospiech hat ein Problem mit den Medizinstudierenden unserer Zeit. Wo man hinschaut, nur Nichtsnutze, die ihr gutes Abitur im Wesentlichen der Noteninflation an deutschen Gymnasien zu verdanken haben, die stets versuchen, sich ihrer angedachten Berufung (vierzehn Stunden am Tag auf dem Hintern sitzen und pauken) zu entziehen und stattdessen mit besonderer Vorliebe nach Gründen suchen, mal wieder ihre eigenen Hochschulen zu verklagen.

Wahrscheinlich hat er auch ein Problem damit, dass diese „Medizinstudierenden“ auf Betreiben der linksgrünversifften Gesinnungsdiktatur nicht mehr „-studenten“ genannt werden dürfen. Überhaupt geht ihm offenbar vor allem die eine Hälfte der Studierenden massiv gegen den Strich. Denn: „Die Probleme der Feminisierung der Medizin sind ja hinlänglich bekannt.“

Dies alles hat Peter Pospiech satt. So satt, dass er seine Sicht der Dinge auf Seite eins in der Aprilausgabe des Magazins „Forschung & Lehre“ des Deutschen Hochschulverbandes veröffentlichen lässt, in dem er uns dankenswerterweise einen Weg aus der Krise des medizinischen Hochschulstudiums weist. Abiturstandards heben (Leistung muss sich wieder lohnen). Versorgungsbezirke mit Zulassungsbeschränkungen (Landarzt muss sich wieder lohnen). Männerquote im Medizinstudium (Mann-Sein muss sich wieder lohnen).

Und Peter Pospiech muss es wissen. Schließlich ist der Mann laut Bildunterschrift am wohl renommiertesten Universitätsklinikum Deutschlands – der Charité in Berlin – immerhin stellvertretender Direktor. Oder? Fast. Pospiech ist stellvertretender Direktor an der Zahnklinik der Charité.

Aber wem soll man diesen winzigen Lapsus in der Bildunterschrift vorwerfen? Etwa dem Deutschen Hochschulverband, der es versäumt hat, ordentlich zu recherchieren, was ihr Autor denn wirklich so macht? Überhaupt: Sollte man einem Autor, der sich solche Mühe gibt, nicht zu erwähnen, dass er selbst Zahnmediziner ist, in den Rücken fallen, indem man seine Position in der Bildunterschrift korrekt widergibt?

Und kann man Pospiech vorwerfen, dass er sich nicht nur in „Forschung & Lehre“, sondern auch online auf der Plattform LinkedIn und bei der „Dentalen Nachrichten-Agentur“ als „Stellvertretender Direktor, Charité Universitätsmedizin Berlin“ ausgibt? Echte Männer wählen sich ihren Titel nun einmal selbst.

Wie dem auch sei, die fehlerhafte Titulierung und der gesamte folgende Artikel verschweigen erfolgreich den winzigen Unterschied von gut und gerne 800 Studierenden im Jahr insgesamt an der Charité gegenüber etwas über 80 Zahnmedizinstudierenden, die Pospiech jährlich quälen darf. Stören Sie sich bitte nicht an der Wortwahl, denn Pospiech selbst betitelt seine Streitschrift ja – indem er in einer „freien Seneca-Übersetzung“ auch den anderen großen Philosophen des Abendlandes, Felix Magath, zitiert – mit den geistreichen, „humorvollen“ Worten: „Qualität kommt von Qual!“ Was haben wir gelacht.

Seit seiner Berufung an die Charité im Jahr 2015 hat Pospiech sich denn auch geflissentlich daran gemacht, dieses Motto als Leiter der Vorklinik im Studiengang Zahnmedizin in die Tat umzusetzen. Dies bestätigen nicht nur die Klagen der Zahnmedizinstudierenden, die regelmäßig zu uns Humanmediziner_innen herüberschwappen, sondern auch ein lesenswerter Artikel im Online-Archiv des „Tagesspiegels“ vom September 2016. Der sogenannte Phantomkurs I etwa, der einmal jährlich für die Studierenden des dritten Semesters in der Zahnmedizin angeboten wird, ist infolge der regelmäßigen Beschwerden über Schikanen von Seiten der Dozierenden in Kreisen der

Humanmediziner_innen (und, soweit man das von außen beurteilen kann, auch innerhalb der Fakultätsleitung) zum Synonym für Lehrpraktiken geworden, bei denen man froh ist, sie im zukunftsorientierten Berliner Modellstudiengang der Humanmedizin hinter sich gelassen zu haben. Es mutet von daher besonders grotesk an, dass ein Zahnmediziner, in dessen Studiengang so regelmäßig die Hütte brennt, dass die Fakultätsleitung bei allem Bemühen mit dem Löschen kaum nachkommen kann, sich dazu aufschwingt, Vorträge über die großen Probleme des Medizinstudiums zu halten.

In der Tat ist allerdings nicht nur die Prämisse des Artikels lächerlich, auch inhaltlich imponiert er als Ansammlung teils abenteuerlicher Thesen. Die Noteninflation an deutschen Gymnasien hat nicht das geringste mit den Leistungen der Medizinstudierenden an der Universität zu tun. Zum Medizinstudium – weil zulassungsbeschränkt – wurde schon immer nur eine feste Anzahl der Bewerber_innen zugelassen. Sinkt also der Notendurchschnitt der Abiturient_innen, so sinkt auch gleichzeitig die für das Medizinstudium benötigte Abiturnote. Und fordert Pospiech in einem Absatz noch die bedarfsorientierte Vergabe von Facharztplätzen und die Etablierung von Zulassungsbeschränkungen, so wird im nächsten schon die „sozialromantisierende Staatsmedizin“ als „Gegenstück zum Freien Beruf“ verteufelt. Nicht, dass das eine oder das andere grundsätzlich falsch wäre. Man muss sich bloß irgendwann auch mal entscheiden.

Besonders am Herzen liegt Pospiech aber die „strukturelle Benachteiligung männlicher Jugendlicher durch die Politik (G8)“, deren einzig logische Konsequenz die Einführung einer Männerquote sei. Worin liegt diese Benachteiligung? Sind womöglich die armen Männer durch eine groß angelegte Verschwörung im Rahmen der Noteninflation leer ausgegangen? Oder sind die Männer nach acht Jahren Gymnasium einfach noch nicht reif genug, um das ihnen zustehende Erbe männlichen Privilegs anzutreten? Und wer genau sind die strukturell benachteiligten Männer? Sind es diejenigen, die später achtzig Prozent der Professuren an der Charité besetzen? Oder sind es womöglich diejenigen, die ihr ganzes Leben Direktoren einer Uniklinik werden wollten, für die es dann aber doch „nur“ zur Zahnmedizin gereicht hat?

Klar ist nur: „Die Probleme der Feminisierung der Medizin sind ja hinlänglich bekannt.“ Pospiech zumindest. Er verschweigt sie uns zwar wohlweislich, auf einen Satz, der mit „die Probleme der Feminisierung…“ beginnt, hat man allerdings auch selten viel Geistreiches folgen gehört.

Wie nun hat man als Vertreter der Studierenden einer Hochschule auf solch haarsträubende Äußerungen eines Fakultätsmitglieds zu reagieren?

Man kann personelle Konsequenzen mit aller zur Verfügung stehenden hochschulpolitischen Macht einfordern und nicht eher Ruhe geben, als diese Konsequenzen erfolgt sind. Das wäre womöglich eine Überreaktion.

Man kann einen Text wie diesen veröffentlichen, in der Hoffnung, er möge als öffentliche Gegendarstellung verhindern, dass längst überkommener Quatsch sich unwidersprochen in den Köpfen der Leserinnen und Leser festsetzt.

Vielleicht ist aber auch die bloße Auseinandersetzung mit Pospiechs Thesen schon eine Überreaktion. Nichts von dem, was er schreibt, ist neu – am wenigsten die daraus gewonnenen Einsichten über Herrn Pospiechs Charakter als Hochschullehrer. Die Probleme der zahnmedizinischen Vorklinik unter Prof. Pospiech sind ja hinlänglich bekannt.