Nachruf Prof. Gross

In tiefer Trauer haben wir erfahren, dass Herr Prof. Gross am 30. Mai 2017 aus dem Leben geschieden ist. Wir haben einen Menschen voller Weisheit verloren, einen Lehrer, ein Vorbild, dessen Schaffen die Studierendenschaft über Jahrzehnte unvergleichlich geformt und beeinflusst hat und noch lange nachwirken wird.

Herr Prof. Gross war ein hochgradig engagiertes Mitglied der Fakultät. In seiner zwölfjährigen Amtszeit als Prodekan für Lehre führte er die umfangreichste Reform des Medizinstudiums an und veränderte das Medizinstudium in Berlin von Grunde auf. Unermüdlich war er selbst in Planungen und Kommissionssitzungen involviert und scheute weder Mühen noch Mittel um dieses Projekt zu dem Erfolg zu machen, den wir heute in Berlin erleben und leben. Ohne seinen Mut neue Wege zu gehen, seine Kraft Hindernisse zu überwinden und seine besonnene Unbeirrbarkeit gegenüber Zweiflern, wäre die Implementierung eines so umfangreichen neuen Studienganges, zumal bei laufendem Betrieb des Regel- und Reformstudienganges, unmöglich gewesen. Seinem Charisma, Idealismus und fortschrittlichem Geist ist es zu verdanken, dass moderne Konzepte wie POL, KIT, reformierte Prüfungen und klinisch orientierte Lehre Eingang in den Modellstudiengang gefunden haben.

Als wortführendes Mitglied mehrerer Fakultätsgremien beteiligte sich Herr Prof. Gross unermüdlich in den politischen Diskussionen der Fakultät. Allem voran sei hier sein unermüdlicher langjähriger Einsatz im Prüfungsausschuss erwähnt, dessen Vorsitz er bis kurz vor seinem Tod innehatte. Sein Sinn für Gerechtigkeit, seine rationale Art Probleme anzugehen und seine Gewohnheit, über alle Statusgruppen hinweg auf Augenhöhe zu kommunizieren und die verbissendsten Streitgegner mit einem Augenzwinkern zu versöhnen wird uns immer in Erinnerung bleiben. Zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Fachschaftsinitiative und sein regelmäßiger Besuch auf Fachschaftssitzungen bildeten die Grundlage für die Nähe zu den Studierenden und zeigten immer wieder, dass er keine Kritik scheute. Seine bemerkenswerte Fähigkeit aufkommende Konflikte auf eine gelassene und menschliche Art zu schlichten war in höchstem Maße angesehen und hat uns Studierenden wiederholt aus scheinbar ausweglosen Situationen geholfen. Nicht zuletzt wurde er von der Fachschaft 2012 für den Ars legendi Preis nominiert.

Wer in Seminaren und Praktika in den Genuss seines Unterrichtes kam, konnte erleben, welche hohen Qualitätsmaßstäbe er an seine eigene Lehre anlegte und wie viel Freude ihm das Dozieren bereitete. In seinen methodenreich gestalteten und stets perfekt vorbereiteten Seminaren wurde mit Freude diskutiert, gefragt und gelernt. Prof. Gross brannte für die Audiologie und Phoniatrie und wusste diese Begeisterung weiterzutragen. In klinischen Kursen konnten wir weitaus mehr als bloße medizinische Fakten lernen, sein herzliches Verhältnis zu PatientInnen, seine fürsorgliche und vertrauenswürdige Art als Arzt waren herausstechend und motivierten zum Nacheifern.

Mit der Schaffung des DSFZ hat Herr Prof. Gross einen Meilenstein in der medizinischen Ausbildungsforschung gelegt. Wieder einmal zeigte sich seine progressive Sicht auf Universitätslehre: Er wollte nicht nur reformieren, sondern gleichzeitig wissenschaftlich untersucht wissen, dass die Veränderungen positive Entwicklungen mit sich brächten. Ein modernes Zentrum für Ausbildungsforschung sollte diese Fragen beantworten und das Konzept eines reformierten Medizinstudiums an andere Universitäten tragen, es ist bis heute einzigartig in Deutschland.

In der Gründungszeit des Modellstudienganges, damals, als Ideen in Konzepte gegossen und unermüdlich diskutiert wurden, hatten die Studierenden in der Planungsgruppe ein besonders innovatives Konzept erarbeitet. In der Sorge, in den Kommissionen sofort auf eine Flut von vermeintlichen Umsetzungsschwierigkeiten und Gegenargumenten zu treffen, bevor sie ihre Idee überhaupt fertig präsentiert hätten, vereinbarten sie nach langen Überlegungen einen Termin mit dem Prodekan für Lehre, Prof. Gross. Sie erhofften sich Feedback und wollten abschätzen, ob ihr Konzept überhaupt eine Chance haben könnte. Kaum hatten sie, noch immer unsicher, mit ihrer Präsentation begonnen, sah Prof. Gross ihnen in die Augen und sagte schlicht: „Wissen Sie, bei mir rennen Sie da ja offene Türen ein!“ Die restliche Zeit des Treffens verbrachte die kleine Gruppe damit zu planen, wie das Konzept den Weg durch die Gremien und in die übrige Fakultät finden könnte. Diese Legende wurde mit einem Schmunzeln über so viele Semester unter Fachschaftlern weitererzählt, dass sie ein geflügeltes Wort geworden ist. Es steht für Progressivität und die Offenheit gegenüber neuen Ansätzen, ein Schonmal-Weiter-Denken, was in herausragender Weise von Prof. Gross verkörpert wurde. Man kann den Wert eines solchen Fürsprechers der studentischen Interessen auf Seiten der ProfessorInnen kaum in Worte fassen.

In Zeiten politischer Instabilität an der Fakultät konnten wir uns jederzeit auf Herrn Prof. Gross absolut verlassen und wir haben mehr als einmal seinen weisen Rat gesucht, wenn es um brisante politische Themen hoch herging. Er hat vorgelebt, wie man ohne sich zu Verbiegen zu seinen Zielen und Überzeugungen stehen kann. Er hat seine eigene Person nie in den Vordergrund gerückt, aber dennoch in erster Reihe für beste Lehre und gute Fakultätspolitik gekämpft. Prof. Gross war uns ein vorbildhafter Lehrer, Arzt und Mensch, den wir vermissen und für immer in Erinnerung behalten werden.